E-Paper - 05. Juli 2012
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«Meine Träume kann mir niemand nehmen»

WIL Jugendliche haben viel zu erzählen wenn sie verstanden werden

Die Tipiti Oberstufenschule in Wil geht auf ihre SchülerInnen ein. Zurzeit arbeiten sie im Zeichenunterricht an selbst gestalteten Graffitis. Im August sollen sie mit Hilfe eines ehemaligen Sprayers an die Wand gelangen.

Die Tipiti Oberstufenschule ist eine vom Kanton und vom Bundesamt für Sozialversicherungen anerkannte Tagessonderschule. Sie versteht sich als «Schule zur Vorbereitung auf die Berufsausbildung» sowie als «integrative Gesamtoberstufe». Unterrichtet werden Jugendliche mit einer schwierigen Schulbiografie. Kürzlich stellten sie sich selbst die Frage: «Sind wir so krass?»

Kunst auch legal möglich

Seit zwei Monaten arbeiten die SchülerInnen im Zeichenunterricht an einem speziellen Projekt. Unterrichtet werden sie von Chaturangi Dehiwala-Liyanage, die sich in der Ausbildung zur Fachfrau Betreuung befindet. «2006 lief schon einmal ein ähnliches Projekt. Ich dachte, es handelt sich nach wie vor um ein spannendes und passendes Thema.»

Daher warf die junge Frau das Thema erneut auf. «Ich habe früher in der Schule selbst einmal einen Kurs miterlebt. Ein professioneller Grafiker und ehemaliger Sprayer liess uns damals auf Leinwände sprayen, was mich wahnsinnig faszinierte. Es war schön zu sehen, dass diese Kunstform auch legal möglich ist.»

«Verbot würde Reiz steigern»

Am 30. August wird Roni Kuhn, ein Maler, der die Szene früher selbst miterlebt hat, der Schule einen Besuch abstatten. Nach einem morgendlichen Referat können die interessierten SchülerInnen nachmittags ein Gemeinschaftswerk auf die Wand sprayen. Dafür kreieren sie zurzeit individuelle Vorlagen.

Im Rahmen des Projektes sollen die SchülerInnen auch lernen, dass Sprayen nicht ein einfaches «Gekrakel» ist. «Es steckt viel Arbeit und Technik dahinter. Zudem möchten wir ihnen mitgeben, dass es sich nicht lohnt, diese Kunst zu missbrauchen.» Mit der Aufklärung soll die Lust aufs illegale Sprayen gar nicht erst entstehen. «Ein Verbot würde den Reiz nur noch steigern.»

«Territorium markieren»

Jeweils zu dritt nehmen die SchülerInnen an ihrem Unterricht teil. «Ich versuche ihnen beizubringen, mit dem Material gut umzugehen, sauber zu arbeiten und die gelernte Technik anzuwenden. Es gibt SchülerInnen, die am liebsten ständig nur hier wären», erzählt Chaturangi Dehiwala-Liyanage.

Im Zeichenunterricht gibt es Regeln. «Doch es soll auch Spass machen.» Schulleiter und Heilpädagoge, Ruedi Gurtner, freut sich über das Engagement der Auszubildenden: «Es ist gut, dass sie dieses Projekt durchführt. Es fand bereits einmal in einer ähnlichen Form statt und wurde von den Schülern her goutiert.» Dass das Sprayen für die Jugendlichen interessant ist, erklärt er so: «Mit den Graffitis können die Jugendlichen ihr Territorium markieren.»

«Kunst ist provokativ»

Doch auf legale Weise können Graffitis eine Botschaft darstellen. «Jede Kunst ist provokant was auch gut ist. Doch man muss sie auch lesen können», erklärt der Schulleiter.

Er machte immer wieder die Erfahrung, dass es Erwachsene gibt, die anscheinend selbst nie Jugendliche waren. «Sie reagieren befremdet und vertragen die Jugend nicht.» Dabei sei vor allem wichtig, die Jugendlichen auf ihrer Ebene abzuholen. «Doch wir müssen natürlich auch kritisch reflektieren und ihnen ungefähre Leitplanken vorgeben.»

Entwaffnend ehrlich

Dass die Jugend Mitteilungsbedarf hat, beweisen nicht nur Kunstformen, wie Graffitis, sondern auch eine Projektarbeit im Rahmen des Deutschunterrichts der Tipiti Oberstufenschule. Die Oberstufenlehrerin und Heilpädagogin, Tina Breitenmoser, erklärt: «Anfangs wollten wir ein Theater auf die Beine stellen, doch schnell merkten wir, dass die Jugendlichen das Bedürfnis haben, sich persönlich mitzuteilen.» So entstand als Resultat des Prozesses das Heft «Diä hütig Jugend» ein entwaffnend ehrliches Bild der Jugendlichen. Die SchülerInnen konnten sich freiwillig und anonym beteiligen. Und alle 16 nahmen das Angebot gerne an. «Es ist berührend, die Texte zu lesen.»

«Es tut mega weh»

Die SchülerInnen stellten sich die Fragen: Wie wirke ich und wie bin ich? So meint ein Junge: «Wenn jemand mich mobbt zeige ich das nicht immer, dass es mir sehr weh tut ich lache einfach darüber, doch es tut mega weh.» Und einer seiner Schulkollegen schreibt: «Man muss den Menschen kennen und seine Probleme verstehen, nur dann kann man ihm helfen.» Auch sehr ehrliche Einsichten sind mit dabei: «Ich habe meine Eltern meistens sehr enttäuscht, sie hatten es schwer mit mir.» Und ein Mädchen meint: «Ich bin schnell enttäuscht und vertraue keinem Menschen von ganzem Herzen.» Doch schreibt sie weiter: «Ich habe grosse Träume, die mir niemand nehmen kann.»

Wer den Jugendlichen zuhört, kann ihren Geschichten lauschen. «Sie haben viel zu erzählen, wenn man eine Beziehung zu ihnen aufbaut und sie ernst nimmt. Dadurch können sie auch ihre Persönlichkeit weiter entwickeln», betont Ruedi Gurtner. Gaby Stucki

Wiler Nachrichten vom Donnerstag, 5. Juli 2012, Seite 3 (514 Views)

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