E-Paper - 09. Juni 2016
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Fast 60 Jahre für das Wild im Einsatz

Von Michael Anderegg

Wenn im Jagdrevier Steig-Tannegg ein Wildunfall passierte, wurde er aufgeboten: August Specker. Fast 60 Jahre war er Jagdaufseher und Wildhüter und kümmerte sich in dieser Funktion um die Belange der Tiere und Jäger. Jetzt hat er sein Amt übergeben.

Balterswil Er ist 79 Jahre alt und kennt die 319 Hektaren Wald des Jagdgebiets Steig-Tannegg besser als seine Westentasche. Auf dem Weg zum Fototermin bei der Jagdhütte mitten im Wald, fährt August Specker mit seinem Subaru einen Umweg über Feldwege, um aus der Ferne eine Herde Gämse und ein paar Rehe zu zeigen und darüber etwas zu erzählen. 54 Jahre war Specker Jagdaufseher und Wildhüter in diesem Gebiet. Davor war er bereits fünf Jahre im Gebiet Hackenberg gleich nebenan in derselben Funktion tätig. Diesen Posten übernahm er damals von seinem Vater. Die 60 Jahre brachte August Specker aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr voll. «Wenn du ein angefahrenes Reh oder Ähnliches nicht mehr heben kannst, musst du eben abtreten», sagt er. Per 1. Mai übergab er sein Amt deshalb in jüngere Hände. Weiter wird er aber Hüttenwart und in der Jagdgesellschaft bleiben. «Sein» Revier hatte eine Gesamtgrösse von 663 Hektaren. Darin war er für alles zuständig, was mit Jagd und Wild zu tun hatte. Zum Beispiel füllte er die Futterkrippen im Wald auf und legte Salzsteine aus, damit die Tiere auch im Winter überleben konnten. Salzsteine unter anderem deshalb, weil sich die Tiere dadurch weniger an der Strasse aufhalten, um jenes Salz für den Strassenunterhalt wegzuschlecken. Woher ihn die Leute aber am ehesten kennen werden: Bei einem Wildunfall mit dem Auto wird er aufgeboten. «Ich muss dann eine offizielle Bestätigung für die Versicherung ausstellen, dass ein möglicher Schaden wirklich von einem Wildunfall herstammt», erklärt er. Einmal habe jemand versucht, eine solche Bestätigung für Versicherungsbetrug zu erhalten. «Er setzte mich unter Druck, weil er eine Mauer düpiert hatte», so Specker. Als dieser ihm dann aber mit der Polizei drohte, sei die Sache schnell erledigt gewesen, erinnert er sich.

Tiere erlösen

Zu Speckers Hauptaufgaben gehörte es, sich nach einem Unfall nicht nur um den Autofahrer, sondern vor allem auch um das verletzte Tier zu kümmern. Anhand des Schadens könne er meist bereits ausmachen, um was für ein Tier es sich gehandelt habe. «Natürlich sieht eine Beule von einem Reh anders aus als jene von einem Fuchs.» Zudem hätten ihm Fellreste und vor allem Schweiss (Blut) geholfen, das Tier dann im Wald aufzuspüren, wenn es flüchten konnte. Je nach Verletzung des Tieres müsse dieses dann getötet werden. Dafür hatte August Specker immer sowohl eine Schrotflinte als auch eine Pistole dabei. «Es ist besser ein schwer verletztes Tier zu erlösen, als es elendig verrecken zu lassen», sagt er dazu. Zu den meisten Unfällen komme es im Frühling sowie in der Brunftzeit. Früher hätte es weniger Autos gegeben und daher auch weniger Wildunfälle. In den letzten Jahren wurde er zu rund zehn Unfällen pro Jahr gerufen. Zweimal musste er ein Tier nach einem Zusammenprall mit einem Zug zusammenlesen. «Das war kein schönes Bild», sagt er.

In den 1970er-Jahren kämpfte August Specker sogar gegen die Tollwut im Revier. Füchse aus Deutschland hatten die Krankheit in die Schweiz eingeschleppt. «Wir mussten viele Füchse töten, um der Krankheit Einhalt zu gebieten.» Sie hätten Fuchsbauten begast, damit die Tiere friedlich einschliefen. «So human wie nur möglich», erklärt er. Die Fuchspopulation hätte sich zum Glück in den Jahren darauf aber schnell und vor allem gesund wieder erholt.

59 Jahre ohne Lohn

August Specker arbeitete jahrelang als Landwirt und als Chauffeur im Bereich Tiertransport. Davon lebte er. Die Arbeit als Jagdaufseher und Wildhüter machte er sein ganzes Leben lang unentgeltlich. Ihn habe die Natur gereizt und er habe so die Tier- und Pflanzenwelt kennengelernt. Und er hat gesehen, wofür andere Leute in Tierparks Eintritt bezahlen. Rehe, Wildschweine, Füchse und vieles mehr begegneten ihm mehr als nur einmal im hügeligen Gelände des Steig-Tannegg-Walds. Genau das waren die Dinge, die er an einem Nebenamt schätzte. «Ich habe einiges gelernt und viel Schönes gesehen in den letzten 59 Jahren», so Specker.

Wiler Nachrichten vom Donnerstag, 9. Juni 2016, Seite 25 (48 Views)

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