E-Paper - 11. Januar 2018
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Ein Leben mit nur acht Prozent Sehkraft

Sarah Oliveira meistert ihr Leben trotz stark einschränkender Sehbehinderung. Fürs neue Jahr wünscht sie sich noch selbstständiger zu werden, einen Ausbildungsplatz und vorurteilsfreie Begegnungen.

Aadorf «Manchmal wünsche ich mir, dass mich insbesondere Gleichaltrige nicht vorschnell nach ihrem ersten Eindruck beurteilen, sondern mich erst näher kennenlernen», sagt Sarah Oliveira, und zwinkert mit halb geschlossenen Augen durch ihre Brille. Mit etwas mehr Empathie würden Fremde feststellen, dass sie einer jungen Frau mit Selbstbewusstsein und erstaunlichem Optimismus gegenüber stehen würden. Und dies trotz einer Einschränkung, mit der die 17-Jährige seit Geburt fertig werden muss. Sie hat keine Iris, die als Blende die unterschiedliche Lichteinstrahlung reguliert. Daraus resultiert ein Zittern der Augenlider. Dazu kommt noch der graue Star, der sich mit einem weissen Punkt äussert. «Es ist eine seltene, angeborene Sehbehinderung, die erst nach etwa vier Monaten vom Augenarzt diagnostiziert wurde. Die Sehkraft ist auf etwa acht Prozent reduziert», sagt Mutter Karin Oliveira. Sie ahnte schon vor der Diagnose, dass bei ihrer Tochter etwas mit den Augen nicht stimmen konnte. Nach einer anfänglich schwierigen Zeit habe die Familie das Schicksal angenommen und das Beste daraus gemacht.

Schwierige Berufsfindung

Ab dem vierten Monat ihres Lebens setzte bereits die Früherziehung durch eine Fachperson für Blinde und Sehbehinderte ein. Dank dieser konnte Sarah die Spielgruppe und zwei Jahre den Waldkindergarten besuchen. Weil nach dem Vorschulalter ein Besuch der öffentlichen Schule unmöglich war, brachte sie ein Taxi jeweils in eine Tagesschule für Blinde und Sehbehinderte nach Zürich-Altstetten. Dort wurde Sarah neben dem Unterricht in den üblichen schulischen Fächern auf die besonderen Alltagsherausforderungen für Behinderte vorbereitet. Mit elf Jahren war die Aadorferin so selbständig, dass sie den Schulweg nach Zürich allein mit der Bahn bewältigen konnte. Nach neun Schuljahren begann sie eine berufliche Ausbildung im Stift Höfli in Stammheim. Die Lehre als Betriebsköchin musste sie allerdings abbrechen, weil das Tempo im Vergleich zu Nicht-Sehbehinderten ein Hindernis darstellte. Untätig sein will die junge Frau aber nicht. Als Zwischenlösung arbeitet sie nun drei Tage pro Woche hinter dem Buffet im Café Zentrum in Winterthur. Dort ist ihre Mutter schon seit 24 Jahren tätig. Mit 18 Jahren wird Sarah eine halbe IV-Rente zugesprochen und Aussicht auf eine Weiterbildung bekommen. «Die Zukunftsperspektiven sind nicht schlecht, obwohl ich noch nicht genau weiss, welchen Weg ich einschlagen werde», so die Aadorferin.

Sportliche Erfolge

Schon als Kind wollte Sarah alles selber machen, was irgendwie möglich war. Bewegungsmässig liess sie sich gar nicht einschränken. Ob Schlittschuh-, Ski-, Rollschuh- oder Velofahren, kaum etwas hielt sie auf. Während ihr Bruder Miguel Fussball spielte, konzentrierte sie sich auf den Torball-Sport. Dank ihren Fortschritten und ihrem guten Positionsgefühl brachte sie es nahe an Junioren-Nationalteams. Weil sie aber von einer Juniorenmannschaft in Zürich in ein Team mit Aktiven nach Amriswil wechselte, war das vom Tisch. Der Aufwand mit den langen Reisen zu Trainings und Turnieren war ihr etwas zu umständlich. Sie reduzierte auch ihre Anstrengungen etwas. Das Erlebnis eines internationalen Turniers in Nizza ist aber so nachhaltig, dass für die junge Sportlerin das Ende der Karriere noch nicht endgültig besiegelt zu sein scheint. Kurt Lichtensteiger

Wiler Nachrichten vom Donnerstag, 11. Januar 2018, Seite 7 (87 Views)

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