E-Paper - 10. Januar 2019
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Zerfetztes Implantat: Wer hat Schuld?

Von Kim Berenice Geser

Sonja Müller wurde 2011 wegen Brustkrebs operiert. Vom ersten Tag nach der Operation wusste sie, dass etwas nicht stimmt. Vier Jahre später die Bestätigung: In ihrer Brust befand sich ein völlig zerstörtes Implantat. Bis heute kämpft sie beim Kantonsspital St.Gallen um Anerkennung des Fehlers.

Züberwangen Sonja Müllers Leidensgeschichte beginnt 2011. Damals erhielt sie die Diagnose Brustkrebs. «Das war für mich eigentlich nicht überraschend. Meine Mutter hatte bereits Brustkrebs», so Müller. Nach dem Befund folgten die üblichen Voruntersuchungen. «Meine behandelnde Ärztin meinte damals zu mir: 'Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht'», erinnert sich Müller. Die Schlechte: Eine Brust müsse vollständig amputiert werden. Die Gute: Die andere könne brusterhaltend operiert werden.

Ein Fussball ohne Luft

Im Wissen um ihr erhöhtes Erkrankungsrisiko bat die damals 49-Jährige darum, beide Brüste zu entfernen. Woraufhin ihre Ärztin geantwortet habe: «Das wollen Sie nicht.» Eine entmündigende Antwort, wie sie Müller während ihrer Behandlung im Kantonsspital St.Gallen (KSSG) noch einige Male hatte anhören müssen. So sei man nicht bereit gewesen, während der Operation Bilder zu machen, mit der Begründung: «Die wollen Sie nicht sehen.» Man habe ihr vorgängig auch keine Bilder von Operationsergebnissen gezeigt oder ein Implantat zur Begutachtung gegeben. Nach der Operation dann der Schock: «Ich habe am nächsten Tag an mir heruntergesehen und sofort gewusst, da stimmt etwas nicht», erzählt die ehemalige Köchin. Der Ärztin sagte sie direkt ins Gesicht: «Das sieht scheisse aus.» Ihre Brust habe ausgesehen wie ein Fussball, aus dem die Luft herausgelassen worden war.

Leiden nicht ernst genommen

Das war im November. Im Dezember folgte eine zweite OP. Wegen einer gewachsenen Lymphknoten-Metastase. In den folgenden Nachkontrollen beschwerte sich Müller immer wieder über Schmerzen, Hautausschläge, Müdigkeit und die deformierte Brust. Die geringsten Bewegungen schmerzten sie. «Aber niemand nahm meine Beschwerden ernst.» Erst Anfang 2015, bei einem vom Hausarzt angeordneten MRI-Untersuch, wurde ein Durchbruch im Implantat festgestellt. Operiert wurde aber erst Ende Jahr. Jedoch nicht mehr im KSSG. Müller wechselte ans Tumor- und Brustzentrum ZeTuP in St.Gallen. Der dort behandelnde Arzt entfernte ihr ein völlig zerstörtes Implantat. In seinem Bericht schreibt er, ein Implantat-Defekt sei nie ausschliessbar, «doch aber nach etwas mehr als drei Jahren eher ungewöhnlich.» Für Sonja Müller ist das zerfetzte Implantat der Beweise: Im KSSG war schludrig gearbeitet worden.

Gutachten oder aufgeben

Sie sucht sich juristische Hilfe. Seit 2016 behandelt Ilona Zürcher ihren Fall. Doch das Einholen der nötigen Unterlagen zieht sich in die Länge. Die Verjährungsfrist musste bereits unterbrochen werden. «Leider hat Frau Müller sehr lange gewartet, bis sie sich anwältliche Unterstützung holte», sagt Zürcher. Hinzu kommt, dass die behandelnden Ärzte im KSSG und im ZeTuP zwar mit Arztberichten auf Anfrage Stellung nahmen. Alle hätten jedoch ausgeführt, dass ein Behandlungsfehler nicht bestätigt werden könne. «Man windet sich heraus», so Zürcher. Ihr bleibt nun nur noch der Weg übers Gericht. «Wir versuchen nun, vom Gericht ein unabhängiges medizinisches Gutachten zu erwirken», so die Anwältin. Werde dem stattgegeben und würde das Gutachten zugunsten ihrer Klientin ausfallen, würden sie Schadensersatz geltend machen. Ohne Gutachten hingegen müsste Müller den Kampf aufgeben. Denn sie selbst kann sich die Erstellung eines solchen nicht leisten. Zürcher sieht die Chancen, mit dem Antrag durchzukommen, bei fünfzig Prozent. «Dabei geht es meiner Mandantin gar nicht ums Geld. Sie will nur, dass das Spital zu seinem Fehler steht.» Das bestätigt Müller. «Fehler passieren, auch in der Medizin. Das ist mir klar. Aber warum kann man das denn nicht zugeben?»

Wiler Nachrichten vom Donnerstag, 10. Januar 2019, Seite 5 (4 Views)

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