E-Paper - 10. Januar 2019
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Erwachsene mit ADHS: Der Umgang erfordert tolerante Mitmenschen

Von Martina Signer

AD(H)S ist eine Krankheit, die viele mit Kindern in Verbindung bringen. Doch sie trifft auch Erwachsene. Für diese bietet Sylvia Naef Selbsthilfegruppen an. Dies in Zusammenarbeit mit dem Regionalverein Ostschweiz der ADHS-Organisation elpos. Nächsten Montag findet ein Treffen statt.

Flawil Frau Naef, Sie bieten Selbsthilfegruppen für Erwachsene mit AD(H)S an. Welches sind die Beweggründe für Ihr Engagement diesbezüglich?

Als ausgebildeter psychosomatischer Gesundheitscoach ist dieses Thema interessant für mich. Diese Gesprächsgruppe ist mein sozialer Beitrag als ehrenamtliche Mitarbeiterin.

Gibt es in der Region viele Betroffene und wie häufig ist AD(H)S bei Erwachsenen überhaupt?

Zahlen zur Region sind nicht bekannt. Gemäss Schätzungen und Hochrechnungen sind rund drei bis zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen. Bei etwa der Hälfte bleiben die Symptome bis ins Erwachsenenalter.

Die Krankheit wird oft bei Kindern diagnostiziert. Kann AD(H)S auch erst im Erwachsenenalter in Erscheinung treten?

AD(H)S, welche bei Erwachsenen erst im «Alter» erscheint, wurde wahrscheinlich im Kindesalter nicht abgeklärt oder diagnostiziert. Diese Diagnose wird bei Erwachsenen oft erst in schwierigen Lebenssituationen bekannt oder und leider erst durch eine Folgeerkrankung wie Angststörungen, Depression oder sonstige psychische Erkrankungen, welche bei unbehandelten AD(H)S entstehen können.

Welche Symptome deuten auf AD(H)S im Erwachsenenalter hin?

Im Kern sind es die gleichen Symptome wie bei Kindern (siehe Kasten), nur mit der Prägung eines Erwachsenen. Eine AD(H)S ist eine Störung, welche im Kindesalter begonnen hat, auch wenn sie in früheren Jahren nicht festgestellt wurde. Die Art und Ausprägung können sich bei Erwachsenen jedoch anders darstellen.

Kann sich die Krankheit bei Kindern auch irgendwann «auswachsen»?

Nein, AD(H)S kann mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter nicht einfach verschwinden. Es ist nachgewiesen, dass je besser das Umfeld unterstützend wirkt und der Betroffene damit umgehen lernt er besser mit den Symptomen leben kann, ohne dass er und andere leiden. Geeignete Strategien und Therapien können sehr wirkungsvoll sein für die Entwicklung.

Welche Therapien schlagen bei Betroffenen am besten an?

Wir Menschen sind individuell und vielseitig. Eine bestimmte Therapie kann nur dann anschlagen, wenn man davon überzeugt ist und daran glaubt, dass es nützt. Und das Wichtigste dabei ist, dass man das bei seinem Therapeuten tut, bei dem man sich auch wirklich wohlfühlt. Empfohlen werden Psychoedukation, die Medikamentöse Therapie, Kognitive Verhaltenstherapie, und natürlich das Coaching.

Welche Strategien können Betroffene selbst erlernen, um im Alltag mit AD(H)S umzugehen?

Ich empfehle Achtsamkeitskurse und Trainings für das Bewusstwerden und den Umgang mit AD(H)S. Achtsamkeit, sogenannte Mindfulness, ist nicht nur für Betroffene, sondern für jeden geeignet. Es fördert uns im Privat- sowie im Berufsleben für mehr Power, Gelassenheit und Erfolg.

Ist ein normaler Berufsalltag mit AD(H)S überhaupt möglich?

Mit der richtigen Aufgabe, ja. Manchmal dauert es aber länger, bis diese gefunden ist. Entsprechend braucht es die richtigen Personen zur Seite oder vielleicht einen Coach, der unterstützt, damit man zu seinem persönlichen Zielen findet. Manchmal braucht es auch tolerante Chefs, Partner, «Gegenüber», mit welchen man Vereinbarungen treffen kann, um seine Symptome zu integrieren.

Kann AD(H)S im Erwachsenenalter auch medikamentös behandelt werden?

Es ist wie bei anderen Medikamenten für Krankheiten: Medikamentös können nur einzelne Symptome behandelt werden.

Welche Vorteile ziehen die Teilnehmer aus den Selbsthilfegruppen?

Vor allem den Austausch mit Gleichgesinnten, da das Thema in der Öffentlichkeit gemieden wird. Sie erfahren, wie andere mit den Symptomen umgehen und tauschen sich darüber aus, wie man seine Lebensqualität verbessern könnte. Ausserdem erfolgt ein Informationsaustausch über Ärzte, Therapeuten, Medikamente, Bücher und weiteren Infos zum Thema.

Wie gehen die Betroffenen mit ihrer Krankheit um?

Das kommt darauf an, welche Erfahrungen sie in ihrem bisherigen Leben (Schule, Eltern, soziales Umfeld) gemacht haben. Teilweise helfen Medikamente oder antrainierte Vermeidungsstrategien. Das Thema AD(H)S wird von den Betroffenen in der Öffentlichkeit vermieden, da sie nicht verurteilt oder ausgegrenzt werden möchten.

Wiler Nachrichten vom Donnerstag, 10. Januar 2019, Seite 7 (2 Views)

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