E-Paper - 06. Juni 2019
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«Wer hat meine Tochter über Instagram mit dem Tod bedroht?»

Von Lui Eigenmann

Seine Tochter wurde über die Social-Media-Plattform Instagram mit dem Tod bedroht. Nun will der Vater wissen, wer hinter den Nachrichten steckt und greift dafür zu einer unkonventionellen Massnahme.

Niederuzwil Ein Eintrag auf der Facebook-Seite «Du bisch vo Uzwil wenn...» schlägt derzeit hohe Wellen. Da setzt ein Vater 2000 Franken Belohnung für Hinweise aus, wenn ihm jemand sagen kann, wer hinter den Morddrohungen gegen seine Tochter steckt. Die WN kennen die Hintergründe dazu. «Ich werde deine Familie vernichten.» «Ich sage dir eine Botschaft das deine Tochter nicht mehr lange lebt.» Dies sind nur zwei der zahlreichen Drohungen, die Claudio Raschles Tochter im Mai 2017 auf Instagram erhielt. Die Drohungen wollte Raschle nicht einfach so hinnehmen. Der aufgebrachte Vater verständigte deshalb die Polizei. Kurz darauf sammelte diese alle Smartphones der Klasse seiner Tochter ein und durchsuchte die Geräte nach verdächtigem Inhalt. Ohne Erfolg. «Ich dachte schon, das wars», sagte Raschle damals zu den WN (26. August 2017, «Nach Morddrohung: 'Mit der Schule Uzwil bin ich fertig'»). Doch die Staatsanwaltschaft verfolgte die Kommentare weiter und machte die IP-Adresse des Absenders ausfindig. Diese stammt aus Raschles Wohngemeinde. «Wir glaubten damals zu wissen, wer es ist und trotzdem wurde niemand für die Drohungen verurteilt. Das kann ich bis heute einfach nicht glauben und habe darum nun den Aufruf auf Facebook gestartet», so der Vater.

Konfrontation vorausgegangen

Nur wenige Stunden vor den Morddrohungen kam es auf der Bahnhofstrasse in Niederuzwil zu einem Zwischenfall. Claudio Raschle holte seine Tochter beim Schulhaus Schöntal mit seinem Auto ab, fuhr dann auf der Bahnhofstrasse Richtung Niederuzwil, wo er sein Auto gegen die Kreuzung hin verlangsamte und ein Mädchen auf der linken Strassenseite sah, welches sich bückte, ihm den Mittelfinger zeigte und die Zunge rausstreckte. Raschle verstand nach eigenen Angaben zunächst nicht, worum es ging, bis seine Tochter ihm mitteilte, dass es sich bei dem Mädchen um ihre Mitschülerin S.L. handelt. Raschle folgte ihr in seinem Fahrzeug und fuhr zu ihr hin. Nachdem er sie, laut Anklageschrift, energisch gefragt hatte, weshalb sie ihm den Stinkefinger gezeigt und die Zunge herausgestreckt hatte, sagt er, nach eigenen Aussagen, zur jungen Frau: «Nimm dis Scheisshändy zum Grind us, sus schopp is dir id Frässä». Dies auch in der Annahme, dass S.L. ihn mit dem Handy gefilmt hatte. Nach diesem Vorfall wurde Raschle wegen Beschimpfung und Drohung angezeigt und vor ein paar Tagen zu 30 Tagessätzen zu je 160 Franken verurteilt. Der Vollzug der Geldstrafe wird bei einer Probezeit von zwei Jahren aufgeschoben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Raschle streitet seine Tat zwar nicht ab, möchte das Urteil aber doch weiterziehen. «Da steckt noch viel mehr dahinter.»

Mobbing gegen die Tochter

Dass ihm der Kragen in dieser Situation derart geplatzt ist, sei kein Zufall gewesen, erklärt Raschle: «Meine Tochter wurde an der Schule gemobbt, und zwar massiv. Die Klasse schloss sie aus und ärgerte sie.» Aufgrund der Belastung behielt Raschle seine Tochter gar zu Hause und erhielt dafür eine Busse. «Heute steht meine Tochter ohne Lehre da, ihr Leben ist kaputt, sie leidet unter psychischen Problemen», moniert Raschle. Das Mobbing sei, neben der Filmerei gegen ihn, dann auch der Auslöser für seinen verbalen Angriff auf die Mitschülerin gewesen: «Ich wusste von meiner Tochter, dass auch dieses Mädchen am Mobbing gegen sie beteiligt war und wollte darum wissen, warum sie nun auch mich mit dem Handy filmt. Nach den Beleidigungen gegen mich ist die Situation dann eskaliert.»

Gerechtigkeit für die Tochter

Für den Vater ist der Fall nach seiner Verurteilung aber noch lange nicht vorbei: «Wie an meinem Prozess klar wurde, wird für die Morddrohungen niemand belangt. Grund dafür sei, erklärt Raschle, dass das Handy nicht gesperrt gewesen sei: «Es könne also quasi jeder gewesen sein. Ich frage mich einfach, wo hier die Gerechtigkeit ist. Ich bekomme für meinen Ausraster ein fragwürdiges Urteil, droht man meiner Tochter, meiner Familie und sogar meinem Hund mit dem Tod, wird niemand belangt.»

Facebook als Strohhalm

Um die Drohungen aufzuklären, setzt Raschle nun auf die Social-Media-Plattform Facebook. Auf der Seite «Du bisch vo Uzwil wenn...» hat der Vater seinen Fall ausführlich geschildert und für Hinweise Belohnung ausgesetzt. Die Reaktionen in den Kommentaren gehen auseinander. Auch die Kantonspolizei St.Gallen sieht solche Posts nicht gerne, erklärt Florian Schneider: «Grundsätzlich können wir sagen, dass wir über private Fahndungsaufrufe auf Social Media nicht erfreut sind. Fahndungsaufrufe sind Sache der Strafverfolgungsbehörden. Das Problem bei privaten Fahndungsaufrufen ist, dass Privatpersonen unter Umständen nicht adäquat auf Rückmeldungen reagieren können, insbesondere wenn der Fall zeitlich kritisch ist. Etwa ein Vermisstenfall herrscht.» Raschle ist das egal: «Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht, für meine Tochter Gerechtigkeit zu erlangen. Dafür nehme ich auch gerne die 2000 Franken Belohnung in die Hand, das ist übrigens mehr, als bei Aktenzeichen XY gezahlt wird.»

Wiler Nachrichten vom Donnerstag, 6. Juni 2019, Seite 5 (300 Views)

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