E-Paper - 03. Oktober 2019
Wil
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WAS ICH NOCH ZU SAGEN HABE

Ein Sprung ins Ende?

Kürzlich fuhr ich an einem Abend nach Wil. Auf einer Brücke über der Autobahn stand mitten auf der Strasse ein Auto, mit Pannenblinker und offener Türe. Die Autos vor mir umfuhren dieses und setzen ihren Weg fort. Ich tat das auch, machte mir erst gar nicht viele Gedanken darüber. Als mein Blick dann aber nach links schwenkte, wurde mir, wohl aber erst beim zweiten Mal hinsehen, bewusst, was sich dort gerade abspielte. Eine junge Frau stand am Geländer. Zu meinem Erschrecken aber nicht auf der Seite mit dem Trottoir, sondern auf der anderen. Also direkt am Abgrund. Zwei Personen standen bei ihr, etwas mehr als einen Meter entfernt und redeten mit ihr. Ich hörte Musik und war mit den Gedanken bei meinem Termin, wo ich hinwollte. Es dauerte daher länger als mir lieb ist, bis ich diese Szenerie, das Geschehen, das sich gerade auf der Brücke abspielte, überhaupt wirklich begriff. Als es so weit war, befand ich mich bereits nach der Brücke. Ich stoppte am Strassenrand und stellte meinen Motor aus. Mir schossen 1000 Gedanken durch den Kopf. Soll ich auch noch hin, um zu helfen? Kann ich überhaupt etwas tun? Soll ich den Verkehr regeln, was eigentlich gar nicht nötig war? Oder soll ich gar das Auto der Personen, die mit der jungen Frau sprachen und sie von einem grossen Fehler abhalten wollen, wegfahren? Gleichzeitig dachte ich, dass ich spät dran bin. Kurz: Ich wusste schlicht nicht, was ich tun soll. Es war eine verwirrende Situation für alle. Für mich, die Helfer, vor allem aber wohl für die junge Frau. Was dann genau passierte, das behalte ich an dieser Stelle für mich. Tut mir leid liebe Leser. Was ich aber sagen kann: Die Frau sprang nicht. Gott sei Dank. Denn damit wurde nicht nur ihr Leben, sondern auch das eines unschuldigen Autofahrers auf der Autobahn gerettet, der die Frau wohl noch angefahren und sich ein Leben lang Vorwürfe gemacht hätte. Die Konversation auf der Brücke kann ich nicht wiedergeben, aber mit diesem Ergebnis sind wohl die richtigen Worte gefallen. Am Ende zeigt sich: Es ist wichtig, sich mitzuteilen und zu reden. Es kann gar Leben retten.

Wiler Nachrichten vom Donnerstag, 3. Oktober 2019, Seite 48 (19 Views)

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